Roland's Tagebuch 2005

Kommentar von Dr. Nodelescu zum Jahr 1301

„Du musst lernen, dumm zu denken“, hat mal ein Fahrlehrer gemeint, als ich mich vor langer Zeit auf die Theorieprüfung vorbereiten musste. Das hat manchmal Vorteile, auch bei Patrizier II. Der Gaukler gibt mir mit einem einfachen Satz mehr Auskunft über das Wohl der Stadt als das jede Statistik könnte. Drum habe ich mich am Neujahrstag bei den Spielleuten der ganzen Nordsee und später auch im dünn besiedelten Osten umgehört. In 7 Städten der Nordsee erzählten mir die Gaukler von hoher Zufriedenheit, 4 Gaukler meinten, einige freuten sich über sie und 4 Gaukler meinten, sie hätten es doch sehr schwer. Das sagt mir, dass die flächendeckende Vollversorgung noch nicht gewährleistet ist und die Zufriedenheit immer noch von den örtlichen Möglichkeiten abhängt. Der Osten ist ohnehin traurig. Die Gaukler in Nowgorod und Reval haben echte Probleme, dem in Pernau macht die Arbeit noch ein bisschen Spaß und dass Riga sehr zufrieden ist, hat damit zu tun, dass man dort Begriffe wie „Bedürfnis“ oder „Befriedigung“ noch erlernen muss. Die Häuser in Nowgorod füllt eine gähnende Leere, allerdings ist Nowgorod nicht die allerkleinste unter den Startstädten unserer „Weiten Reise“.

Und obwohl mir in Reval der Gaukler mehr Spaß am Wodkatrinken zu haben scheint als an seinen Jonglierauftritten, ist er dennoch von mehr als 2000 mehr oder weniger nüchternen Esten umgeben.

Wenn ich mir Rolands Nordsee zu Gemüte führe, sehe ich einen Flickenteppich mit ausgeglichenen und zufriedenen Städten einerseits und teilweise recht überdehnten Städten andererseits. Im Sommer hing der Gaukler von Newcastle am Whiskey, im Herbst war er wieder clean, aber jetzt ist hängt er wieder besoffen herum. Es ist die Stadt mit der größten Bausubstanz, aber er geringsten Einwohnerzahl in der Nordsee. Dort tanzen die orangeroten Ausrufezeichen wie sonst die Gäste auf dem Oktoberfest, dem Karneval in Rio oder früher auf der Loveparade, die Gesamtauslastung von Rolands Betrieben liegt hier nur bei einem Drittel. Hütet Euch vor lokalen Überdehnungen! In Scarborough sehe ich ähnliche Bilder, allerdings in viel kleinerem Ausmaße. Diese Stadt ist auch unterentwickelt und hat auch weniger Betriebe, ist aber dennoch etwas größer. Anderswo sehe ich auch Ausrufezeichen, aber die sind meist heller, meist sind sie nur über den Werkstätten orange, was irgendwie einleuchtend ist bei den Baustoffstädten.

Ich habe mir Rolands Preise angeschaut und bei zwei Waren sind seine Preise für meinen Geschmack ein bisschen hoch. Bier verkauft er für 50 GS das Fass und die Last Wolle kostet bei ihm 1500 GS. Bier würde ich auf 45 GS herunterhandeln, Wolle vielleicht auf 1300 GS. Zumindest bei den Sorgenkindern würde ich eine Absenkung der genannten Preise empfehlen.

Allerdings ist mir natürlich auch aufgefallen, dass es einigen Städten trotz der hohen Preise dennoch sehr gut geht, vor allem Boston ist äußerst zufrieden und auch äußerst groß. Der Hund, der dort begraben liegt, heißt wahrscheinlich Fleisch. Alle schlecht gelaunten Städte hatten einen akuten Fleischmangel, während die zufriedensten Städte meist schon eine eigene Rinderzucht besaßen. Ich erinnere mich noch an die Worte von Andy Ziese, einem alten Hasen, der mal meinte, die lokale Produktion von Getreide, Fleisch und Wolle (wohlgemerkt auf der Standardkarte) im Problemfall Köln wahre Wunder bewirke und dann alles ohne doppelten Boden funktioniere. Da hatte der Kerl recht.

Ziegeleien, Sägewerke, Werkstätten und Brauereien prägen das Bild in Rolands Städten. In jeder fischenden Stadt findet man drei bis vier Hütten. Ab und an finde ich auch kleinere Mengen an Viehzuchten, aber das Produktionsportfolio wirkt schrecklich monoton, was aber mehrere Gründe hat. Erstens gibt es dieses Jahr die Jäger nur in einer Stadt, zweitens haben sich durch die NL-Gründungen einige Waren im wahrsten Sinne des Wortes verschoben und drittens wird versucht, durch Importe aus dem Mittelmeer bestimmte Produktionen nicht bauen zu müssen, um mehr Arbeitskräfte für andere Produktionen zur Verfügung zu haben. Bei Webereien und Weingütern kann ich das ja noch verstehen, aber bei Töpfereien halte ich es doch für übertrieben, ganz auf deren Bau zu verzichten. Immerhin wäre es nicht schlecht, wenn die Konkurrenz mit ihren Töpfern nicht dauernd das Bauland verpfuschen würde, Roland. Außerdem sind die Baubedingen für Töpfer nicht so brutal wie für die beiden anderen Tabu-Betriebe, wenn du verstehst, was ich meine.

Damit wären wir auch schon beim Thema Baurecht. Ich weiß nicht, wie ich seine bautechnischen Leistungen bewerten soll, was aber auch daran liegen mag, dass ich als virtueller Professor für Bauingenieurwesen doch eine andere Messlatte nehme. Ich würde Roland eine Drei Minus geben. Einerseits baut Roland nicht wild in der Landschaft herum und baut auch gerne mal einen Sechser.

Allerdings wirkt die Bauweise Rolands relativ altmodisch und obwohl Roland, was ja wichtig für Sechserblöcke ist, die urbarmachende Wirkung von Abrissen kennt, kann man in Hamburg wunderschön sehen, wie laienhaft er mit der Bebauung des Landes um die eine KI-Schafzucht vor der ehemaligen Erstmauer umgegangen ist. Eine besonders baulandschonende Wahl der Bauplätze, die vor der Fertigstellung der Drittmauer für mich zumindest unverzichtbar ist, scheint Roland auch nicht zu bedenken.

Das alles kann Roland zwar egal sein, aber für einen selbsternannten Einwohnerfetischisten finde ich das, was ich so sehe, doch ziemlich dürftig. Vielleicht verbessert sich diese Bauleistung mit dem Ende der Mauerbaufront ganz von selbst, aber das werden wir noch sehen müssen.

Was die Mauerbaufront betrifft, so lassen sich auch hier Disparitäten entdecken. In Hamburg und Bremen steht die dritte Mauer, Boston, Brügge und Harlingen sind im Bau derselben schon weit fortgeschritten, Newcastle sollte in naher Zukunft mit der Zweitmauer fertig werden. Die anderen Städte haben entweder noch gar nicht oder gerade erst mit dem Mauerbau begonnen.

Der Blick nach Osten bezeugt einen routinierten Rhythmus, den Roland für den Siedlungsbau an den Tag legt. Vier Wochen nach Auftragsannahme hat Roland seine dritte Niederlassung Riga aus einem Guss gesetzt, ohne Werft und Kirche, mit vier Fachwerkhäusern und neun Betrieben, ein minimaler Baukasten eben. Und bis am 2. 6. 1302 die Anerkennung der Hanse frühestens kommt, wird sich Roland nicht weiter um Riga kümmern müssen, was auch ganz nett ist. Seit kurzer Zeit weiß man über eine programmatische Grenze in der Geschwindigkeit des Siedlungsbaus bescheid. Egal wie schnell man die Mauer und die Bevölkerung hochzieht, eine Anerkennung kommt frühestens nach sechs Monaten. Rein theoretisch wird man bei zehn zu gründenden Niederlassungen mit den frühestmöglichen Wahlterminen frühestens Dezember 1305 mit der Siedlungsphase zu Ende sein. Das zieht das Spiel natürlich in die Länge, was aber vom Kartenbastler jedoch beabsichtigt war und da ja in diesem Contest die Einwohner in den Niederlassungen punktetechnisch besonders stark gewichtet werden, wird man um die Gründung aller zehn Niederlassungen nicht herumkommen. Zudem weiß ich darauf hin, dass ja dieses Jahr zur Umgehung der Bargeld-Milliarden-Grenze auch die heimische Stadtkasse dazugezählt wird. So könnte man eigentlich den Contest auch dadurch gewinnen, indem man auch über den Vollausbau hinaus das Spiel aus Profitgründen weiterlaufen lässt, schließlich verfällt ja kein Geld mehr dank der neuen „Sparkasse“.

Ob der Hanserat jedoch dem einzelnen Spieler bevölkerungstechnisch durch eine Niederlassung mit Jagdhütten oder Walfängern unter die Arme greift, bleibt abzuwarten, womit ich auch schon bei meinem größten Kritikpunkt im ganzen Contest angelangt bin, aber bei dieser Kritik geht es nicht speziell um Roland, sondern um die allgemeine Siedlungspolitik, wie sie bei vielen Top-Spielern gemacht wird. Viele folgen einem Credo, das besagt, man müsse so schnell wie möglich die Niederlassungen gründen und diese müssten möglichst auch Fisch anbieten, rein der Einwohnerzahlen willen. Nur stellt sich bei mir die Frage, ob es wirklich zweckmäßig ist, für eine Bevölkerung von nur einer Million Fisch für zwei bis drei Millionen zu fangen, auch wenn man den LF gleich vor Ort hat. Sollte man beim Gründen denn nicht auch auf die Ausgewogenheit der Warenpalette achten, auch wenn man dafür den ein oder anderen Monat warten muss? Mir ist nämlich bei vielen Spielern, die gerade recht früh bei der dritten Niederlassung sind, aufgefallen, dass sich die Produktionen der einzelnen Niederlassungen sehr ähneln, was ja auf ein Stagnieren der Versorgungslage der Hanse im Zeitraum zwischen den Gründungen zurückzuführen ist. Vielleicht werde ich es in diesem Contest auch als Armutszeugnis werten, wenn ein Spieler es nicht hinkriegt, mehr als die vier oder fünf immer gleichen Waren in die zehn Niederlassungen zu bekommen. Für ein gewisses Gleichgewicht sollte man schon sorgen, denn auch das gehört zum Spiel.

Was die Städte anbelangt, die man angeboten bekommt, so wird doch ein deutliches Muster sichtbar, das aber wahrscheinlich vielfältiger ist als es scheint, habe ich unter den vielen Spielständen doch drei verschiedene Standorte für die Erstniederlassungen gesehen. Ein Spieler legte mit Ladoga los, zwei andere mit Helsinki, aber die überwältigende Mehrheit der Spieler legte in Reval los. Beim Petersburger muss man noch abwarten, aber sowohl nach Helsinki als auch nach Reval wurde bis jetzt immer Pernau angeboten. Und nach der Gründung Pernaus finde ich bis jetzt immer zwei Möglichkeiten: Entweder Riga oder Thorn, mit verschiedenen Produktionsprogrammen. Die meisten werden wohl eher Riga nehmen, kann man doch Thorn nicht so leicht mit Koggen und Holken bereisen und für den Einwohnerfetischisten ist Riga sowieso dem Polenstädtchen überlegen. Es scheint, als hätte man nicht mehr als zwei konkrete Standorte pro Runde zur Auswahl. Und abgesehen von Ladoga, wo es wirklich schade ist, dass es dort nicht so ist wie sonst überall, wurden bis jetzt alle Niederlassungen, die ich in diesem Contest gesichtet habe, mit den selben Grundrissen wie auf der Standardkarte angeboten.